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Marian Schreier: „Die SPD ist in bestimmten Regionen nicht mehr vertreten“

ReDer 30-jährige Marian Schreier sorgte bei der Wahl des Stuttgarter Bürgermeisters beinahe für Aufsehen: In der zweiten Runde kam der Sozialdemokrat, fünf Jahre lang Bürgermeister der Kleinstadt Tengen am Bodensee, näher der CDU-Gewinner Ansatz. Seine eigene Partei unterstützte ihn nicht und wollte ihn manchmal sogar ausschließen. Schreier ging als unabhängiger Kandidat ins Rennen.

WELT: Herr Schreier, der Kampf um das Amt des Bürgermeisters in Stuttgart hat trotz Gekrönt ungewöhnlich starkes nationales Interesse. Waren Sie überrascht oder war das Teil der Berechnung Ihrer Anfrage?

Marian Schreier: Ich habe es in dieser Form nicht erwartet. Wenn mir gesagt worden wäre, Jan Böhmermann hätte am Wahltag über die Wahl des Stuttgarter Bürgermeisters getwittert, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Mir war jedoch bereits klar, dass meine Bewerbung ein gewisses Interesse wecken würde, wenn sie vielversprechend war.

WELT: Für den zukünftigen CDU-Bürgermeister Frank Nopper fehlten nur 10.600 Stimmen. Fühlen Sie sich eher als Verlierer oder Gewinner?

Schreier: Natürlich nehmen Sie an einer Wahl teil, um zu gewinnen. Am Anfang ist es also eine Schande, dass dies nicht ausreicht. Aber insgesamt überwiegt die Freude die große Unterstützung der Stadt. Anfang des Jahres kannte mich niemand in Stuttgart. Und es wurde als praktisch unmöglich angesehen, als unabhängiger Kandidat ohne die Unterstützung einer Partei erfolgreich zu sein.

Frank Nopper (CDU), Gewinner der zweiten Runde des Stuttgarter Bürgermeisters, vor dem Rathaus

Quelle: dpa / Marijan Murat

WELT: Wie ist das überhaupt passiert?

Schreier: Viele in Stuttgart wollten Veränderung. Wir haben ein unkonventionelles Angebot abseits der ausgetretenen Pfade gemacht, kombiniert mit einem neuen politischen Stil. Einerseits war unser Wahlkampf von Anfang an hochdigital. Dies war ein Vorteil während der Koronabeschränkungen.

Andererseits haben wir auch über 140 öffentliche Treffen organisiert und gezielte Kontakte zu Gruppen geknüpft, die ansonsten wenig in die lokale Politik involviert sind, zum Beispiel in der gesamten Nachtszene und in subkulturellen oder ausländischen Gemeinschaften. .

WELT: Sie sind Mitglied des SPD-Präsidiums, wurden aber nicht unterstützt, weil Ihre Kandidatur nicht gewählt wurde. Wie ist ein großer Wahlkampf überhaupt ohne Parteiapparat möglich?

Schreier: Zwei Dinge sind entscheidend: Organisation und Finanzierung. Mein siebenköpfiges Hauptteam arbeitete vier Monate lang fast ununterbrochen. Sie haben wirklich einen tollen Job gemacht.

Dies wurde von einer digitalen Plattform flankiert, auf der sich mehrere hundert Unterstützer registrierten. Besonders vor dem zweiten Wahlgang war von Tag zu Tag mehr Dynamik zu spüren. Zusammen mit vielen Freiwilligen konnten wir Plakate ausstellen und Flugblätter an alle Teile der Stadt verteilen.

Nopper vs. Schreier - politischer Wettbewerb auf Augenhöhe

Nopper vs. Schreier – politischer Wettbewerb auf Augenhöhe

Quelle: dpa / Bernd Weissbrod

Dank Crowdfunding haben wir mehr als 100.000 Euro an Spenden gesammelt. Es war eine Neuheit bei einer Bürgermeisterwahl. Ich habe einen Teil davon persönlich finanziert. Dies ist wiederum in Baden-Württemberg üblich. Fast alle Bewerber leisten ihren eigenen Beitrag.

WELT: Sind Sie überzeugt, dass Sie viel besser abgeschnitten haben als der offizielle Kandidat der SPD?

Schreier: Nein. Es war nie meine Motivation.

WELT: Aber ihnen drohte sogar der Ausschluss aus der Partei wegen Verhaltens, das die Partei beeinträchtigte. Hätten Sie eine Räumung angefochten?

Schreier: Ich habe nicht darüber nachgedacht. Die regionale Schiedsstelle entschied frühzeitig, dass meine Mitgliedschaft während meiner Kandidatur ausgesetzt werden sollte. Damit war das Thema abgeschlossen. Mein Abonnement ist seit Montag wieder aktiv. Ich sehe meine Kandidatur nicht als nachteilig für die Partei an.

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WELT: Welche Botschaft haben Sie für Ihre eigene Partei, auch im Hinblick auf die nationalen Wahlen im März?

Schreier: Bürgermeisterwahlen haben ihre eigene Logik, nicht alles kann einzeln übertragen werden. Politische Angebote müssen jedoch in Bezug auf Stil und modische Kommunikation präsentiert werden. Und die SPD muss Verbindungen zu verlorenen sozialen Gruppen suchen.

Die Situation in Baden-Württemberg ist manchmal dramatisch, in einigen Regionen ist die SPD kaum noch vertreten. Es reicht nicht aus, einzelnen Gruppen wie Alleinerziehenden oder Rentnern oder Industriearbeitern oder Akademikern Angebote zu unterbreiten und zu hoffen, dass dies für eine Mehrheit ausreicht. Eine erfolgreiche Erzählung, die alles zusammenhält, ist als inhaltliches Medium notwendig.

„Das sind Menschen, die ihre eigenen Ideen und Überzeugungen haben“

Quelle: dpa

WELT: Warum war es so schlimm für die Grünen?

Schreier: Ich denke, es ist das gleiche wie im Wahlkampf und wird die Konkurrenten nicht bewerten. Entscheidend für den Wahlkampf ist jedoch, ob man Zukunftskonzepte glaubwürdig und sinnvoll kommunizieren kann. Anscheinend gibt es eine wachsende Zahl von Wählern, die dies nicht mehr automatisch den Grünen zuschreiben.

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Klimaliste gegen Öko-Party

Es reicht nicht aus, zurückzublicken und sich für einen erfolgreichen Wahlkampf auf Ihre eigenen Unterlagen zu beziehen. Viele hätten auf mehr Veränderung und Dynamik gehofft. Dies gilt für ganz Baden-Württemberg. Bei grundlegenden ökologischen Problemen wie der Windkraft wurden die Ziele, die wir uns gesetzt haben, deutlich unterschätzt.

WELT: Sie und der Öko-Linke Hannes Rockenbauch wurden „Egoshooter“ und „Nopper Maker“ genannt, weil Sie erneut für den zweiten Wahlgang kandidierten und damit dem CDU-Kandidaten Nopper zum Sieg verhalfen. Warum gab es keine Einigung über einen gemeinsamen Kandidaten?

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Schreier: Eine Bürgermeisterwahl ist eine Persönlichkeitswahl, bei der es keine Koalitionen gibt. Sie können sie nicht durch die Lagerbrille betrachten und nur Teile der Abstimmung hin und her bewegen.

Dies sind Menschen, die ihre eigenen Ideen und Überzeugungen haben. Unabhängig davon, ob Sie dieser Einschätzung zustimmen wollten oder nicht, war die erste Wahlrunde Ausdruck des Wunsches nach Veränderung sowohl von konservativer als auch von progressiver Seite.

Ich war überzeugt, dass meine unabhängige Kandidatur das richtige Angebot war, um diesen Willen auf der progressiven Seite auszudrücken. Umgekehrt argumentierte Herr Rockenbauch, dass ich ein ökosoziales Angebot nicht glaubwürdig darstellen könne. Ich dachte, es sei falsch, denn nach dieser Lesart hätte es nach dem ersten Wahlgang keine ökosoziale Mehrheit gegeben.

Hannes Rockenbauch, der dritte Kandidat in der zweiten Wahlrunde in Stuttgart

Hannes Rockenbauch, der dritte Kandidat in der zweiten Wahlrunde in Stuttgart

Quelle: dpa / Sebastian Gollnow

WELT: Wie geht es dir jetzt? Wie lange bleiben Sie bei der lokalen Politik? Oder gab es schon Angebote?

Schreier: Ich bin Bürgermeister von Tengen am Bodensee und seit heute Morgen wieder im Rathaus. Im Moment freue ich mich darauf, meine Arbeit bei Tengen fortzusetzen. Es ist zu früh, um darüber zu spekulieren, was in Zukunft folgen könnte. Ich werde sicherlich weiterhin eine Leidenschaft für Politik und lokale Politik haben. Weil ich das mag.

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Baldwin Blomgrens

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